Tongariro Crossing: Vulkankrater, düstere Nebel und das ferne Donnergrollen Mordors

// Die vielleicht schönste Tageswanderung der Welt

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as „Tongariro Crossing“ gilt als eine der schönsten Tageswanderungen der Welt. Manche halten die rund 19 Kilometer lange Tour entlang der Vulkankrater des Mt. Ngauruhoe und des Mt. Tongariro sogar für die schönste Wanderung der Welt überhaupt. Uns und dem Beutelthierchen ist das eigentlich egal. Für uns ist es zunächst nur die Wanderung, für die wir bislang am frühesten aufstehen mussten.

Um 6.00 Uhr klingelt unser Wecker. Der Rucksack steht schon gepackt in der Ecke. Wir werden wohl rund 8 Stunden unterwegs sein und auf etwa 1900 Meter aufsteigen. Da kann es windig und auch jetzt im neuseeländischen Sommer recht kalt werden. Deshalb haben wir natürlich dicke Fleecepullover, unsere Softshells und Regenjacken eingepackt. Zwei hartgekochte Eier, vier Äpfel, einige Dattel-Scones (Gebäckteilchen), zwölf Müsliriegel und viereinhalb Liter Wasser sind unser Proviant. Zum Glück ist das Thierchen auf Wanderungen recht genügsam, sonst müsste ich noch mehr schleppen.

Tongariro Crossing: Noch sieht alles sehr, sehr gut aus…

Kurz nach 7 Uhr stehen wir am „Ketetahi Parkplatz“, dem Endpunkt der Tour. Da das „Tongariro Crossing“ keine Rundwanderung ist, müssen wir uns noch per Bus-Shuttle zum eigentlichen Ausgangspunkt, dem Mangatepopo-Parkplatz bringen lassen. Während des Bus die Schotterpiste durch den Nationalpark holpert, gibt uns der Fahrer einige Tipps zur anstehenden Tour und er erzählt uns, daß wir darauf achten sollen, ob wir bei den „Soda Springs“ (die man nach 1 ½ Stunden erreicht) den Mt. Taranaki sehen. Falls ja, dann ist alles bestens. Klare Sicht bedeutet gutes, stabiles Wetter und einen Panoramablick auf die umliegenden Berggipfel. Noch sieht alles sehr, sehr gut aus. Die letzten Tage hat es ja ausgiebig geregnet, doch heute leuchtet der Himmel blau über uns. Wir legen nochmal eine weitere Schicht Sonnencreme auf und gehen los.

Die ersten Kilometer geht es kaum bergauf, die Sonne scheint, der Weg führt über weite Strecken über Holzstege, alles kein Problem, fühlt sich eher nach Schulwandertag an. Das soll eine richtige Bergwanderung sein? Wir gehen mit mittlerem Tempo weiter (schließlich will man sein Pulver ja nicht vorschnell verschießen, der Anstieg kommt ja erst noch) und analysieren die anderen Wanderer. Wir gehören offenbar zu denjenigen, die am meisten Gepäck dabei haben und insgesamt am „professionellsten“ ausgerüstet sind. Andere beschränken sich auf einen winzigen Rucksack, in den maximal eine Flasche Wasser und ein dünner Pullover passen. Ist das Leichtsinn oder Optimismus? Auf jeden Fall ist es nicht unser Problem. Wenn wir die warmen Klamotten nicht brauchen, dann umso besser. Noch strahlt die Sonne. Aber es ist auch erst 9 Uhr.

Mount Ngauruhoe

Noch sehen wir Mount Ngauruhoe im strahlenden Sonnenschein.

Allmählich rücken die „Soda Springs“ in Sichtweite. Allerdings ist auf den letzten Metern die Sicht nach hinten immer schlechter geworden. Dicke Wolken haben schon vor einer halben Stunde den Blick auf den Gipfel des Mount Ngauruhoe, an dessen Westflanke wir entlang gegangen sind, verhüllt. Und jetzt noch mehr Wolken. Irgendwie doof!

Ein paar Meter weiter und schon haben die Wolken auch die Sonne verhüllt. Wir stehen in der Suppenküche. So war das nicht geplant. Und jetzt beginnt der eigentliche Aufstieg. Die Begleiterin jammert. Wenigstens das Beutelthierchen, das an meinem Rucksack baumelt, meckert nicht. Ringsum nichts als Wolken. Weiter als 50 Meter reicht die Sicht nicht. Wenigstens sieht man so auch nicht, wie weit man noch rauf muss. Wir gehen über Geröllfelder und Lavaschutt. Immer wieder tauchen bizarre Skulpturen aus erkalteter Lava aus dem Nebel auf. Aber immer noch mehr Treppenstufen warten auf uns. „Devil’s Staircase“ wird diese Passage genannt – das „Treppenhaus des Teufels“. Aha.

Wäre diese verflixte Wolke, die uns einhüllt wie Watte, nicht hier, dann hätten wir jetzt einen wunderbaren Ausblick auf Mt. Ngauruhoe, der eigentlich nur einer der Vulkankegel des Tongariro-Vulkanmassivs ist, diesen aber inzwischen überragt. Und noch weiter im Süden könnten wir wohl den Gipfel des Ruapehu bestaunen. Aber heute haben wir wohl kein Glück. „Schönste Tageswanderung der Welt“, naja, im Nebel einen Berg hochstapfen kann man eigentlich überall, da muss man nicht nach Neuseeland fliegen…

Und es bleibt erstmal neblig, windig, kalt und ungemütlich. Die Sicht wird immer schlechter und oben auf dem Südkrater des Tongariro sind wir froh, daß alle 20-30 Meter Orientierungspflöcke eingeschlagen sind. Wo der Weg auf diesem Plateau entlang führen soll, könnten wir sonst kaum erahnen. Vor uns zweigen einige Wanderer nach rechts ab. Sind die sich sicher? Wir gehen einfach mal hinterher. Und tatsächlich, der Abstecher lohnt sich. Kaum hundert Meter abseits des eigentlichen Wegs, etwas erhöht jenseits eines natürlichen Walls liegt einer der Kraterseen. Und immerhin ist es hier etwas windgeschützt. Und einige der großen Steine bieten sich als Sitzgelegenheit an. Jetzt erstmal Brotzeit. Es kann ja schließlich nur noch besser werden.

Donnergrollen, oder: Das Grummeln des Mt. Ngauruhoe

Und wirklich: die Würstchen sind kaum ausgepackt und das hartgekochte Ei geschält, als der dichte Nebelvorhang tatsächlich ein wenig aufreißt. Wenn das so ist, dann verlängern wir die Rastpause einfach und warten auf strahlenden Sonnenschein. 😉

Nach zwanzig Minuten zeigt sich zwar die Sonne immer noch nicht, aber jetzt können wir immerhin erahnen, wo wir sind. Weiße Nebelschwaden kriechen weiter von hinten über den kargen Boden des Südkraters. Vor uns geht es weiter mit dem Anstieg zum roten Krater und vielleicht bläst der Wind die Wolken ja weg. Oh je, von hinten ist jetzt dumpfes Donnergrollen zu hören. Auch das noch. Nach Gewitter fühlt es sich eigentlich gar nicht an. Und wieder: ein düster-dunkles Grummeln. Fast wie ein Gewitter, das sich in der Ferne zusammenbraut, aber doch näher. Neben uns, vielleicht unter uns?

Tolles Drehbuch. Tourbeginn unten im Tal bei Bilderbuchwetter. Kurz darauf zieht Nebel auf und jetzt noch ein Gewitter? Oder ist es doch der Berg? Etwa der Ngauruhoe, der „Mount Doom“, der Schicksalsberg von „Der Herr der Ringe“? Der Mt. Ngauruhoe ist bekanntlich einer der aktivsten Vulkane weltweit. Mehr als vierzig Ausbrüche sind allein im 20. Jahrhundert zu verzeichnen. Und wieder ein Donnergrollen. Die Begleiterin findet das gar nicht witzig, das Beutelthierchen bleibt cool.

Am Rande des Vulkans

Währenddessen haben wir den Aufstieg zum „Red Crater“ fast geschafft. Und da – tatsächlich: blauer Himmel und wir können was sehen! Der tolle Blick ins Oturere Tal und die Rangipo Wüste entschädigt für den Blindflug der letzten zwei Stunden. Jetzt noch die letzten Höhenmeter zum „Red Crater“ und wir staunen. Tiefschwarz und dunkelrostrot leuchtet die Kraterwand. Und an einer Stelle ist silbrig-grau und schwarz-verkohlt ein Kraterschlund vertikal aufgerissen. An verschiedenen Stellen drückt Rauch aus dem Boden. Wir tanzen zwar nicht auf dem Vulkan, aber sind doch beeindruckt und geben zu, das „Tongariro Crossing“ ist doch was anderes als eine Tour in den bayerischen Alpen. 😉

Der 'Red Crater' des Tongariro

Der \’Red Crater\‘ des Tongariro

Weiter führt uns der Weg entlang des Kraters. Wenn der kalte Wind nicht wäre, könnte man sich glatt für eine weitere Pause hinsetzen und die Beine in den Krater baumeln lassen. Auf der Nordseite erreichen wir den höchsten Punkt unserer heutigen Tour. Immerhin 1886 Meter. Und jetzt sehen wir auch hinab auf die Emerald Lakes. Milchig-türkis schimmern sie im Sonnenlicht. An den Rändern einen gelben Schwefelkranz und ebensolchen Rauch. Auch etwas speziell, aber schön. Wir steigen und rutschen den Asche-Geröll-Sand-Abhang hinunter. Doch, doch. Die Seen sind toll. Das findet das Beutelthierchen auch und lässt sich fotografieren.

Wir überqueren den Zentralkrater und gehen noch ein Stück am „Blue Lake“ entlang. Danach windet sich der Weg bergab und dreißig Minuten später liegt die steinig-lehmige Mondlandschaft hinter uns. Neben uns niederes Gestrüpp, dazwischen immer wieder sogar Blumen. Und in der Ferne entdecken wir sogar Lake Taupo. Glück gehabt. Die letzten 4-5 Kilometer geht es schnell dahin. Zuerst noch mit Blick auf den See in der Ferne, mitten durch Tussock-Gras-Büschel und rechts und links dampft es immer wieder schweflig aus der Erde.

Dann geht es durch dichten Regenwald. Moose, Baumfarne, Lianen. Das hatten wir auf unseren letzten Touren auch. Doch vor zwei Stunden standen wir noch oben am Rand des „Red Crater“ des Tongariro. Das hatten wir noch nicht. Und so hat es sich also doch gelohnt. Das frühe Aufstehen. Und die insgesamt doch anstrengende Tour. Immerhin waren wir acht Stunden unterwegs. Mal schauen, ob und wann wir diese Marke noch übertreffen.

Wir verabschieden uns vom Tongariro und vom gleichnamigen Nationalpark. Es hätte noch einige lohnenswerte Touren hier gegeben. Aber unser nächstes Ziel steht an: Napier.


3 Kommentare

  1. Hey, tolle Landschaft! Und dichter Nebel kann doch auch von Vorteil sein, dann sind weniger andere Touristen am Berg, zumindest sieht man sie nicht.

    Habt ihr eigentlich schon irgendwo übrig gebliebene Darsteller von Herr der Ringe entdeckt? Täte was nehmen von dem Elbenbrot um endlich vergleichen zu können, ob es wie Mannheimer Dreck schmeckt…

  2. Äh, Markus, ich fürchte, wir kennen uns viel zu wenig aus, um zu verstehen, was Du da schreibst! Elbenbrot? Mannheimer Dreck???

    Ich möchte übrigens betonen, dass ich nicht wegen des Anstiegs und des Laufens gejammert habe, sondern nur, weil ich mir wegen Wetter und Vulkangegrummel Sorgen gemacht habe! Jawohl!

    • Ja klar, Elbenbrot! Herr der Ringe, Neuseeland? Ok, ich löse auf: Elbenbrot ist die Notration, die die Hobbits mitnehmen und die der eine sofort auffrisst. Mannheimer Dreck ist eine Spezialität aus Mannheim, stell sie dir wie einen ganz schweren und wuchtigen Lebkuchen vor, der also sehr sehr nahrhaft ist. Es war halt ein sehr intimer Gedanke, der da so losplatzte.

      Jammern habe ich gar nicht unterstellt, bitte nicht böse sein. Weiter so!!

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